Geschichten

Histoire d'un autre été
Ebony
Die Bäume werden rot

Histoire d'un autre été
Es regnet, ich komme nach Hause.
Bin ganz durchnässt, und meine Mutter schreit schon wieder nur rum.
Ob ich nicht wenigstens ein bisschen auf mich achten känne.
Es sei ihr doch so peinlich. Ich sage leise, wie egal mir das sei.
Haue ab. In mein Zimmer, wo ich meine Zigaretten und ein Feuerzeug schnappe, dann den Alkohol, was immer es sein mag, um dann nach draussen zu gehen, wieder in den Regen, eine Kippe anzuzünden und mein Lebenselixier reinzugiessen.
"Was tust du da?!", höre ich meine Mutter zetern, ich reagiere nicht, sie kommt auf mich zu, knallt mir eine.
Glas splittert.
Ich schaue sie an, drehe mich dann um.
Und renne los.
Ich renne immer weiter, immer langsamer und keuchender, doch ich stoppe nicht, erst als es bereits dunkel ist, der Regen hat schon aufgehört, halte ich abrupt an, weil ich fast kotze ob meinem Husten, der mir wohl bald die Lunge zerreisst.
Eine gefühlte Stunde lang also würge ich, spucke Blut, heule.
Dann langsam beruhige ich mich, schaue mich um.
Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, doch in der Nähe ist eine Busstation, und ich habe ohnehin nichts besseres vor, also gehe ich darauf zu, warte, keine Ahnung wie lange, dann kommt ein Gefährt.
Ich steige ein, der Busfahrer schaut mich seltsam an, mit diesem mir bereits bekannten Blick zwischen Schrecken, Ekel und Mitleid, den die meisten unweigerlich haben, wenn sie diese magere, bleiche, männliche Gestalt sehen, mit Armen wie ein Fixer, und auch sonst nicht ganz auf der Höhe.
Ich beende das "Spektakel", indem ich ihm mein Abonnement hinstrecke.
Er heisst es gut, ich gehe nach hinten.
Unterwegs werde ich, natürlich, von allen, die da sitzen, angeschaut, als wäre ich ein Monster.
Bin ich ja auch.
Irgendwann steige ich irgendwo aus, weiss nicht mal ansatzweise, wo ich sein könnte, gehe einfach irgendeinen Weg entlang, einem Wasserrauschen hinterher.
Später, nach einer ewigen Zeit, so kommt es mir vor, erreiche ich einen Fluss, sehe eine Brücke in der Nähe, merke, dass ich bald müde werde.
So gehe ich weiter, bis ich an der Brücke ankomme, ich befinde mich darunter, verkrieche mich irgendwie in eine Ecke.
Schlafe ein. Mein Hals schmerzt. Mir ist kalt, und ich höre Regen.
Langsam öffne ich meine Augen, schaue mich um. Im ersten Moment ist mir nicht bewusst, wo ich eigentlich bin, aber dann stürzt sich meine Erinnerung auf mich, und der letzte Abend kommt mir in den Sinn.
Ich will mir eine Zigarette anzünden, aber ich finde sie nicht.
"Scheisse", fluche ich, worauf ich neben mir eine Bewegung wahrnehme.
" 'tschuldige, ich hab dir 'ne Kippe ausgerissen", höre ich es von dort sagen, und so wende mich der weiblichen Stimme zu.
Ziemlich abgefuckt sieht sie aus, ungefähr so, wie ich mich fühle.
Irgendwie abgemagert, aber gleichzeitig aufgedunsen, dreckig, verregnet und vor allem, als wäre sie auf Entzug.
Entzug vom Leben, von Alkohol und anderen Drogen, von Liebe und Nähe, von allem, was es so gibt.
Ich rauche noch eine, vielleicht hilft es ja. Tut es nicht, was soll es. Dann sterbe ich wenigstens früher, so dass das Leben mich nicht noch mehr ficken kann.
Wie jemand mal so schön sagte: Niemand stirbt als Jungfrau.
Den Rest muss ich mir nicht mal denken, denn er ist ja klar.
Das Mädel neben mir scheint wohl wirklich irgendwas zu brauchen, denn mittlerweile hat sie damit begonnen, wie wild zu zittern, gekotzt hat sie auch schon und jetzt brabbelt sie auch noch vor sich hin.
Ich frage mich, aber nicht sie, was sie wohl nimmt, denn im Prinzip ist es mir egal, ich strecke ihr noch ne Zigarette hin, stehe auf, haue ab.
Dann höre ich hinter mir Schritte, sie scheint wohl noch gehen zu können, aber es interessiert mich ebenso wenig wie ihre Sucht, ich tippe auf Koks oder Heroin, denn das wäre das, was man so kennt von solchen Kids.
Wohin soll's denn gehen, denke ich mir, und entscheide mich, blind herumzuirren, einfach mal zu gehen, zwischendurch zu kotzen, bzw. den Rest der Galle hochzuwürgen, einfach, weil ich das so will, und möglichst alles und jeden zu erschrecken.

[Hier wird irgendwann der Schluss stehen]